Der Totentanz von Breitenwang

Ein Beitrag von Dr. Richard Lipp

 

Die Seitenkirche der Dekanats-Pfarrkirche Breitenwang ist kunsthistorisch in mehreren Belangen interessanter als die Hauptkirche. Sie wurde ab 1720 erbaut und 1732 eingeweiht. Im Gegensatz zur Hauptkirche, in der mehrere Bauperioden abzulesen sind, entstand sie sozusagen aus "einem Guss".

Die an den Turm der Hauptkirche angebaute Totenkapelle,
heute Auferstehungskirche.

Die Seitenkirche "Zur Schmerzhaften Muttergottes" (Ad Beatam Virgenem Mariam Dolerosam) wurde im Volksmund schlicht "Totenkapelle" genannt und erhielt nach ihrer Restaurierung 1971 den Namen "Auferstehungskirche". Sie hatte offenbar eine ältere Totenkapelle, deren Standort nicht genau bekannt ist, zu ersetzen. Auffallend ist jedoch ihre Größe.
Breitenwang war Sitz der Großpfarre, die auch Reutte (bis 1945) umfasste. Reutte wiederum war Sitz des Pflegers von Ehrenberg und Heimat reicher Kaufmannsfamilien. Man geht wohl nicht fehl, ein gewisses Repräsentationsbedürfnis anzunehmen. Vielleicht spielte aber auch die Frage der Symmetrie, nachdem der Kirchturm neu neben der Hauptkirche errichtet worden war, eine gewisse Rolle.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund war der Bauboom nach den siegreich beendeten Türkenkriegen. Das 1705 neu erbaute Benediktinerkloster St. Magnus in Füssen beeinflusste nachhaltig die barocke Entwicklung des Raumes von Reutte. Künstler wurden aus dem nahen Füssen geholt, denn hier war nach vollendetem Klosterbau ein großes Potential vorhanden.
Der Abt von St. Magnus war bis zur Auflösung des Magnusstiftes, 1803, Kirchenpatron von Breitenwang. Die Füssener Einflüsse sind unverkennbar. Der heutige Bezirk Reutte gehörte bis 1816 zum überwiegenden Teil zum Bistum Augsburg.

Kulturgeschichtlich ist der Einfluss des Kapuziners Abraham a Santa Clara (bürgerlich Johann Ulrich Megerle, 1644-1709) zu berücksichtigen, der den Allerseelenkult populär machte: "Es sei gleich morgen oder heut / sterben müssen alle Leut" (aus "Mercks Wien" von Abraham a Santa Clara). Bald nach der Fertigstellung der Totenkapelle entstand in der Pfarre Breitenwang auch eine Allerseelen-Bruderschaft.

In der Seitenkirche fallen die strengen biblischen Darstellungen gepaart mit Belehrungen für Christen - dazu gehört auch der Totentanz - auf. Die biblischen Darstellungen beginnen mit den zwei in die Kirche integrierten Nischen, die Geburt Christi und der Ölberg. Den Chorbogen flankieren Johannes und Maria Magdalena und das Hauptkunstwerk ist die Pietà, volkstümlich die "schmerzhafte Muttergottes" genannt.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die "Mater dolorosa", die "Schmerzhafte Muttergottes"
  von Anton Sturm.
 


Der bei der Restaurierung leider entfernte Altar und die ebenfalls entfernte Allerseelen-Gruppe.
 


Leider ist die Aussage heute eingeschränkt. Die Muttergottes wurde bei der Restaurierung ihres Altars "beraubt" und ziert ziemlich einsam die sonst leere Apsis. Das Schwert, das früher zum Zeichen des Schmerzes in ihrer Brust steckte, wurde entfernt. Leider wurden bei dieser Restaurierung auch die fünf Armen-Seelen-Figuren weggenommen, wodurch ein wichtiges belehrendes Element - die Armen Seelen, die vom Kreuzestod Erlösung und Heil erwarten - nun fehlt. Alle erwähnten Werke stammen vom Füssener Bildhauer Anton Sturm, dem in der Literatur auch fälschlich immer wieder der Totentanz zugeschrieben wird.

Paul Zeiller rundete mit seinem Bild in der Kuppel der Apsis die heilsgeschichtliche Aussage mit der Aufstehung ab. Der Tod wird nun zum Triumph und die Leidenswerkzeuge werden in einem Triumphzug zum Himmel getragen (letzte Abbildung).

Die restlichen Kunstwerke dienen der Belehrung und Unterweisung der Gläubigen. Dazu zählen neben dem Totentanz die drei Deckenbilder im Langhaus, der Tod des hl. Benedikt, die Fürbitte Mariens für die Welt und der Tod des hl. Josef.

Als Informationsquelle für den Totentanz dienen die verschollen geglaubten Kirchenrechnungen, die vom Verfasser dieses Beitrags aufgefunden und ausgewertet wurden. Damit kann Thomas Seitz, "der" Bildhauer von St. Magnus in Füssen, einwandfrei als Künstler ausgemacht werden. Er wurde von einem Gehilfen namens Nikolaus Kaufmann unterstützt.

 

Auszug aus der Kirchenrechnung 1724-1726:

Denen Stuckhatoreren Niclauß Kaufmann und Thomann Seiz sag scheins ... 152 f 12 x
Wegen dieser Post aine Specificierte Bescheinung der Täg und Lohns auch vnterschrieben quitung beizubringen.
Weillen dise Stuckhatorer bei dem accord zu der Cöst den Trunckh in wein durchauß hab[en] wollen entlichen gegen Bezahlung ainer Zech mit Pier sich vergniegen lasse. Alß ist diser wegen an Zöhrung bei mir Ergangen, warbei auch Herr Pfarerer selbs gewösen .... 4 f 37 x

Interessant ist dabei auch die Anmerkung wegen der Trinkgewohnheiten!
 

 
Diesem Totentanz kommt eine besondere kunstgeschichtliche Bedeutung zu. Sind die übrigen Kunstwerke schon bedeutend, so gibt es im deutschen Sprachraum nur noch einen zweiten in Stuck gearbeiteten Totentanz, nämlich jenen im ehemaligen Kloster Michelsberg in Bamberg aus dem Jahr 1730 mit einem vollkommen anderen Bildprogramm.

Die Aussage des Breitenwanger Totentanzes wird erst verständlich, wenn er einbettet in die religiösen Aussagen der übrigen Kunstwerken gesehen wird. Der ursprünglich Grundgedanke ist der Tanz in Form eines Reigens, bei dem der Tod in der Mitte steht und sich jemand aus dem Leben holt. Somit ist der Totentanz aktuell wie kein anderes Thema: Wir alle hier werden einmal die Hauptperson in so einem Totentanz sein!

Die Figuren des Breitenwanger Totentanzes, die aus dem Leben gerufen werden, wirken jedoch heiter und strahlen barocke Lebensfreude aus. Nach dem Tod kommt ja die Auferstehung. Der Totentanz verbindet sich in Breitenwang mit der Hoffnung auf die Auferstehung.

Die Darstellungen und Aussagen dieses Totentanzes sollen nun anhand der einzelnen Szenen näher erläutert werden. Der Totentanz befindet sich in der Hohlkehle des Langhauses, auf jeder Seite fünf Szenen, wobei die jeweils gegenüber liegenden Szenen (Papst/Kaiser, Moses/Rechtsgelehrter, Dame/Soldat, Wirt/Handwerker, Bettler/Bauer) in einen Zusammenhang zu bringen sind.

Die Szenen rechts in der Hohlkehle: Kaiser, Rechtsgelehrter, Soldat, Handwerker und Bauer.
 
 

Papst - Kaiser.

Den Reigen des Todes führen Papst und Kaiser an. Der Papst korrespondiert mit dem darunter stehenden Johannes. In Johannes wird die Kirche personifiziert. Johannes steht daher folgerichtig unter dem Papst. Der Kaiser ist der weltlicher Gegenpol des Papstes. Es wird jedoch nicht irgendein Kaiser dargestellt. Beim Kaiser handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Kaiser Lothar III., der am 4. Dezember 1137 in Breitenwang gestorben ist. Das ergibt sich im Vergleich mit dem Standbild des Kaisers im Kloster Montecassino in Italien, wo Lothar auch im antiken Cäsarengehabe dargestellt wird. Der Kaiser korrespondiert wiederum mit der darunter stehenden Maria Magdalena. Die Legende will wissen, dass sie aus königlichem Geblüt stammte. Folglich hat Magdalena auch ihren Platz unter dem Kaiser. Die Aussage ist einfach zu interpretieren: Auch auf die höchsten Repräsentanten der Erde - Papst und Kaiser - wartet der Tod.

Moses (göttliches Recht, ius divinae) - Rechtsgelehrter (weltliches Recht, ius humanae).

Schwieriger wird die Deutung des folgenden Szenepaares, Moses und die antike Rechtsschule. Für diese Szenen gibt es keine bekannte vergleichbare Darstellung. Für diese Darstellung gibt es zwei Deutungen. Die erste und vordergründige Deutung für das einfache Volk heißt, dass sowohl Moses als auch der Rechtsgelehrte sterben müssen. In der tieferen Bedeutung steht Moses für das göttliche Recht, der Rechtsgelehrte für das weltliche. Der Bruch des Rechts bringt den Tod! Der Bruch des "ius divinae" bringt die Sünde und damit den seelischen Tod; der Bruch des "ius humanae" kann den physischen Tod zur Folge haben.

 

Dame - Soldat.
 

Mit dem folgenden Szenenpaar Dame und Soldat tauchen wir in die Lokalgeschichte ein. Einmal sehen wir die typische Kleidung der damaligen Zeit. Die Dame mit ihrem Fächer steht für das reiche Bürgertum. Der Soldat (sicher kein einfacher Soldat!) steht für die Herrschaft von Ehrenberg.

Wirt - Handwerker.
 

Mit dem nächsten Szenenpaar Wirt und Handwerker steigen wir die soziale Rangstufe weiter hinab. Es sind Szenen aus dem Wirtschaftsleben von Reutte, das durch die Salzdurchfuhr geprägt war. Der Salzhandel brachte ein florierendes Wirtschaftsleben. Der Handwerker ist ein Schäffler, der ein Salzfass fertigt.

Bettler - Bauer
 

Die unterste Rangstufe werden durch Bettler und Bauer symbolisiert. Der Bettler wird als Krüppel dargestellt und ist möglicherweise ein Kriegsopfer im Zusammenhang mit Kriegen um Ehrenberg. Der Bauer mit Dreschflegel ist für die damalige Zeit, als noch Getreide angebaut wurde und dem Pfarrer von Breitenwang der Kornzehent zustand, aktuell.

Von Interesse sind auch die Attribute des Todes. Sense und Stundenglas kommen je einmal vor, nämlich beim Papst und beim Kaiser. Die Attribute für die höchsten Personen werden kein zweites Mal mehr verwendet. Dem Papst erscheint der Tod als Sensenmann, dem Kaiser hält er die Sanduhr als Zeichen der abgelaufenen Lebenszeit entgegen.

Mit der Trompete tritt der Tod zweimal auf, bei der Dame und beim Bauern. Der Tod greift nach der Hand der Dame, die eine abwehrende Haltung einnimmt. Beim Bauern hat man den Eindruck, ob er mit dem Tod noch verhandeln wollte.

Der Pfeil scheint dreimal als Attribut auf: beim Rechtsgelehrten, beim Handwerker und beim Bettler. Der Pfeil ist auf jeden Fall des Symbol für einen plötzlichen und unerhofften Tod. Der Pfeil galt auch als Symbol der Pest. Die Erinnerung an die Pest hinterließ ja in zahlreichen Kirchen und Kapellen Darstellungen des mit Pfeilen durchbohrten hl. Sebastian, des "Pestheiligen". Auch die in Breitenwang bestehende Sebastiansbruderschaft hatte den Pfeil in ihrem Bruderschaftszeichen.

Ohne Attribut tritt der Tod dreimal auf: Moses, Soldat und Wirt. Bei Moses umfasst der Tod dessen Stab. Beinahe eine neckische Szene ist es, wenn der Tod die Hutkrempe des Soldaten ergreift und ihn zum Mitkommen auffordert. Den Wirt ergreift er an dessen Hand.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Standbild von Kaiser Lothar III. im Kloster Montecassino dürfte Vorbild für die Kaiserdarstellung im Breitenwanger Totentanz gewesen sein.
 

Welche Vorbilder hatte Thomas Seitz? Er kannte sicher den Totentanz von Jakob Hiebeler in Füssen. Fünf Themen (Moses, Rechtsgelehrter, Soldat, Handwerker, Bettler) kommen aber bei Hiebeler nicht vor. Die auch in Füssen vorkommenden Szenen (Papst, Kaiser, Dame, Wirt, Bauer) weisen keine Ähnlichkeiten auf.
 

Grundaussage des Gesamtkunstwerkes: Der Tod ist nicht das Ende; ihm folgt die Auferstehung (Kuppelbild in der Apsis von Paul Zeiller).

 

Der Breitenwanger Totentanz ist somit als eigenständige Leistung von Thomas Seitz zu werten. Nach dem derzeitigen Forschungsstand sind auch keine Nachwirkungen bekannt. Die rund 150 Jahre später von Anton Falger geschaffenen vier volkstümlichen Totentänze nehmen weder den Breitenwanger noch den Füssener Totentanz zum Vorbild, sondern es sind - wie von Reinhold Böhm nachgewiesen - Einflüsse von den zwölf Radierungen von Daniel Nikolaus Chodowiecki vorhanden.

Allerdings ist darauf zu verweisen, dass die Forschungen zum Breitenwanger Totentanz erst am Anfang stehen, und weitere Forschungen neue Erkenntnisse bringen können.

© Mag. Dr. Richard Lipp
A-6600 Reutte, Breitenwanger Straße 6, lipp@tnr.at

 

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